
Die Ausbildungen, die in den Hochschulen angeboten sind, offerieren nicht alle dieselbe Vorteile für das Berufsleben. Für viele Studenten, die bald diplomiert werden, fehlt es an Orientierungspunkte, und sie fürchten sich oft über den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Man kann sich also fragen, welche Rolle die Hochschulen wirklich haben. Um das zu erörtern hat students-careers.ch ein paar Stammgäste im Bereich der schweizerischen Hochschulen getroffen.
Laut dem letzten Bericht des Bundesamts für Statistik (BFS) ist der Prozentsatz von frisch Diplomierten, die in das Berufsleben einsteigen, je nach Studiengang, sehr unterschiedlich. Die Bemessung gründet sich auf Abschlussjahr 2006 und bemisst, wie lange Studenten brauchen, um eine Erwerbstätigkeit in ihrem Studienbereich zu fi nden. Allumfassend ergibt sich, dass ungefähr 60% der Studenten drei Monate nach dem Erhalten ihres Diploms schon arbeiten. Nach einem Jahr haben 72% der Universitätsdiplomanten, sowie 66% der Diplomanten aus Hochschulen, einen passenden Job gefunden.
Diese Durchschnittswerte verbergen aber grosse Disparitäten zwischen den verschiedenen Fächern. Wer Medizin, Jura, Bauwirtschaft oder Pharmazie studiert, wird ohne Probleme ins Berufsleben eintreten: 80 bis 90% haben nach einem Jahr eine Stelle gefunden. Für Diplomanten, die aus dem Bereich Kunst oder Geistwissenschaften stammen, ist die Realität aber nicht so erfreulich: nach einem Jahr haben weniger als 50% einen adäquaten Job gefunden.
Jean-Luc Gurtner, Prorektor für das Bildungswesen an der Universität Freiburg, gibt zu, dass einige Studiengänge weniger Aussichten für den Arbeitsmarkt haben. Dennoch sollte man das Vertrauen in die Universitäten nicht verlieren: "Sie versuchen, gründliche Ausbildungen anzubieten, die auch in der Berufswelt anerkannt werden. Schliesslich ist die Wahrscheinlichkeit, einen Job zu fi nden sehr gross, auch wenn es nicht immer möglich ist, direkt nach dem Diplom angestellt zu werden. Dabei muss man davon bewusst sein, dass die Universität nicht dazu dient, Leute fi t für den Job zu machen. Sie soll den Studenten vielmehr Kreativität, Refl exion, Analyse und Abstandnahme beibringen" (etumag 043). Dominique Arlettaz, Rektorin der Universität Lausanne, ist damit einverstanden: "Die BFS-Ziffern zeigen, dass für die Universitätsdiplomierten die Berufsanpassung viel besser ist, als man glaubt. Am wichtigsten ist, dass unsere Studenten verstehen, dass ihre Universitätsbildung ihnen nicht nur Können gebracht hat, sondern auch sehr viele Kompetenzen, wie zum Beispiel die Projektleitung oder die Zusammenarbeit" (etumag 042). Dasselbe hört man von Jérôme Grosse, verantwortlich für die Kommunikation an der EPFL. Er betont, dass das Ziel einer universitären Ausbildung darin liegt, den Studenten eine Menge zusätzliche Kompetenzen zu offerieren: "Wir leben in einer komplexen Welt, wo unsere wissenschaftlichen und technischen Kompetenzen nicht immer ausreichen. Unsere Studenten sollen nämlich das Leben als Ganze erfassen, trotz seiner Komplexität. Dafür muss man auf den Geisteswissenschaftskursen den Schwerpunkt legen, und einen pädagogischen Ansatz wählen, der die Kritik fördert" (etumag 040). Seinerseits vertritt Daniel Vassalli, Rektor der Universität Genf, die Meinung, dass die akademische Laufbahn den Studenten ermöglicht, viel mehr als nur ein Studienfach zu meistern: "Der Auftrag der Universität ist, einer Karrierenorientierte Ausbildung anzubieten" (etumag 044). Der Student muss nicht nur Einsatzbereit sein, sondern auch die Zeit haben, um sich zu entwickeln - ein Vorgang, der lange dauert und der es ermöglichen soll, Parallele zwischen den akademischen Kenntnissen, den erworbenen Kompetenzen und den Berufsrealitäten zu ziehen.
In den spezialisierten Hochschulen ist der Kontext etwa verschieden, weil sie von Natur aus im sozialökonomischen Umfeld besser verankert sind. Marc-André Berclaz, Direktoriumspräsident der HES-SO, gibt zu, dass "wegen der Wirtschaftskrise das ganze System geschädigt wurde". Jedoch versichert er, dass seine Schulen "sich darum bemühen, da sie nahe zur Berufswelt stehen und oft auf Unternehmenspraktika gezielt sind, einen adäquaten Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage zu gewährleisten" (etumag 039). Die Universitäten, dessen System mehr auf Theorie und Nachforschung gründet, dienen jedoch auch dazu, die Studenten auf das Berufsleben zu vorbereiten. Zum Beispiel hat die Universität Lausanne eine Serie von Workshops organisiert, um den Studenten auf ihre Kompetenzen und dessen Valorisierung aufmerksam zu machen. Der Universität Neuchâtel liegt es ebenfalls am Herzen, ihren Studenten zu helfen. Martine Rahier, Rektorin, erklärt: "Wir haben ein Seminar über die Vorbereitung der berufl ichen Zukunft organisiert, das sich an zukünftige Diplomierte richtet. Es besteht aus mehreren Arbeitsgruppen, die von Rekruitern geleitet werden. Wir organisieren auch verschiedene Foren, wo unsere Studenten diverse Unternehmen kennenlernen können, um eventuell einen Job zu fi nden. Vor allem bieten wir mehrere Studiengänge an, die ein Praktikum erfordern, was unsere Studenten erlaubt, sich Kontakte im Berufsleben zu machen" (etumag 041).
Auch wenn es essentiell ist, dass die angebotenen Ausbildungsvarianten der Berufsrealität entsprechen, sollte man nicht denken, dass alle Probleme einzig daraus folgen. Allerdings soll man den Unterschied zwischen beiden Quoten auch in Verhältnis mit dem Berufsfeld und die dazu gehörenden Zugangsverfahren stellen. Die, die am meisten institutionalisiert sind - Medizin, Jura usw. - garantieren den Diplomierten selbstverständlich einen einfacheren Übergang ins Berufsleben. Sie können nämlich einen bestimmten Beruf erzielen, der eine starke professionelle Identität besitzt und direkt im Zusammenhang mit ihrem Studium steht. Andere Studiengänge sind schwieriger abzugrenzen, die Absatzgebiete kann man nicht so deutlich erkennen, da sie entweder sehr restriktiv oder sehr offen sind, und nur wenig mit der ursprünglichen Ausbildung zu tun haben. Diese Unklarheit macht es für Diplomierte schwieriger, in diesen Branchen ihre Kompetenzen den Rekruitern vorzubringen, erschwert die Anerkennung der Diplomen und erhöht das Risiko eines Sozialabstiegs.
Diesbezüglich deutet Jean-Luc Gurtner darauf hin, dass die berufl iche Eingliederung schon sehr früh vorbereitet werden soll: "Da für Studenten alle Unterrichte in alle Fakultäten offen sind, haben sie die Möglichkeit, zusätzliche Ausbildungselemente zu wählen. Wenn ein Arbeitsgeber einen Lebenslauf liest, wird er weniger auf das Diplom - das sowieso als ergeben gilt - als auf die zusätzlichen Kompetenzen achten. Die Qualität der universitären Ausbildung umfasst ebenso alles, was man daneben erledigen kann: Teilzeitarbeit, persönliche Entwicklung, Netzwerk usw." (etumag 043). So kann man die Studenten - besonders diejenige, für wen sich den Zugang auf das Berufsleben heikel erweist - dazu ermutigen, ihre akademische Laufbahn auszunützen, um ihre Horizonte zu erweitern und ein Maximum an transversalen Kompetenzen auszubauen, um ihren Berufsprojekt zu verstärken...