In unsicheren Zeiten wie diesen, scheint ein breites soziales Netzwerk notwendig zu sein. Aber kann zu viel Vitamin b auch schaden?
Wer kennt das nicht: Es ist Samstag Nacht, man steht seit 30 Minuten in der Schlange vor dem Club und zittert wegen der Kälte. Kurz bevor man den Eingang erreicht, rauscht eine junge, hübsche Frau an einem vorbei, begrüsst den Türsteher mit drei Küsschen und wird mit offenen Armen in der Wärme empfangen.
Menschen, denen dank guter beziehungen alles etwas leichter fällt, trifft man in jeden Lebenslagen und sozialen Schichten an: Da wäre beispielsweise der Nachbar, der trotz seiner Schulden schon die ganze Welt bereisen konnte, weil er überall eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit hat; die Kollegin, der durch ihren handwerklich begabten Freund ein besuch beim Automechaniker erspart bleibt; oder eben die junge Frau, die einen am Samstag Abend in der Schlange überholt.
Und wenn wir ehrlich sind, haben wir doch alle schon unsere beziehungen spielen lassen.
In den obigen Fällen spricht man von "Vitamin b", wobei der buchstabe b für beziehung steht. An diesem Ausdruck haftet jedoch auch ein unangenehmer beigeschmack, denn hinter den Hilfeleistungen steht meistens kein Freund, sondern lediglich ein bekannter, der sich ein bisschen ausnutzen lässt. Freunde sieht man regelmässig und konfrontiert sie nicht bei jedem Treffen mit einer bitte. Die entfernten Verwandten aber würden sich bestimmt auch einmal über einen Anruf freuen, bei dem das Gespräch einmal nicht zufällig auf die schöne Ferienwohnung gelenkt wird.
Selbstverständlich nutzt man Vitamin B auch im berufl ichen Umfeld. Zum beispiel bei kleineren Nebenjobs oder praktikumsplätzen, für die eine abgeschlossene Ausbildung nicht unbedingt nötig ist, können die richtigen beziehungen zu einer Anstellung führen. Hat man bei der Mutter des Freundes, die im Krankenhaus arbeitet, einen guten Eindruck hinterlassen, so ist die Chance gross, dass sie einem den Häfelipraktikumsplatz zuteilt und nicht etwa eine fremde person vorzieht. Aber auch nach der Ausbildung spielt Vitamin b eine wichtige Rolle. Wer viele Menschen kennt, hat schon rein statistisch gesehen bessere Chancen, früher von freien Stellen zu hören. Zudem erfährt man, an wen man sich wenden muss, um den Job auch zu bekommen oder kennt diese person bereits.
Wenn man etwas neidisch auf die Karriere anderer blickt und deren Erfolg dem Vitamin b zuschreibt, vergisst man oft, dass sich diese Menschen ihr grosses soziales Netzwerk selbst aufgebaut haben.
Denn jede "Vitamin-beziehung" entsteht durch Freundlichkeit. Die Mutter des Freundes vergibt den praktikumsplatz ja nicht an eine unhöfl iche Frau und die bekannten des Nachbarn würden diesen sicher nicht auf dem Armenweg unterkommen lassen, wenn er ein Rüpel wäre.
In den meisten Fällen erfährt man erst im Laufe des Gespräches den beruf seines Gegenübers. Gespräche, die man nie geführt hätte, wenn die person unfreundlich oder abweisend gewesen wäre.
Vitamin b entsteht also auf natürlichem Wege auch durch Zufall und darf durchaus genutzt werden. Durch Offenheit und Interesse an anderen kann man dem Zufall allerdings unter die Arme greifen und den eigenen bekanntenkreis erweitern. bittet man später um Hilfe bei der Abschlussarbeit oder der bewerbung, so wird sich diese person wohl eher geschmeichelt fühlen, als ausgenutzt. Denn wer von Vitamin b Gebrauch macht, gibt auch immer indirekt eine Abhängigkeit zu, was den andern wiederum ehrt.
Es gibt aber auch Fälle, wo die Absichten ganz klar sind. Die Studentin, die ihren Dozenten nach der Vorlesung mit Fragen überhäuft und täglich mit gespieltem Interesse in der ersten Reihe sitzt, ist wohl eher an der Karriere und den Kontakten ihres professors, als an einem positiven Arbeitsklima interessiert. Solche auf berechnendem Wege erschlichenen bekanntschaften werden jedoch meistens durchschaut und sind somit wirkungslos.
Auch die Menschen, die bei Kongressen und Vernissagen verzweifelt von einer person zur nächsten hasten, nur um jede Hand geschüttelt zu haben, fallen schnell auf und verraten sich oftmals durch ein krampfhaftes Lächeln. Wird die natürliche Dosis an Vitamin b überschritten, wirkt es auf andere eher abstossend. Zudem darf die balance des Gebens und Nehmens nie zu sehr aus dem Gleichgewicht fallen.
Vitamin b ist kein Dopingmittel Egal wie viele "Freunde" man auf Internetportalen hat oder wie nahe man der erfolgreichen Tante steht: Man darf nicht vergessen, dass Vitamin b kein Wundermittel ist. Hinter grossen Karrieresprüngen stehen nicht nur hilfreiche bekannte, sondern vor allem zuvor erbrachte Leistungen und Motivation. Für diese Tatsachen ist jeder selbst verantwortlich. bekannte sind vielleicht der Schlüssel zu verschlossenen Türen - den Weg dorthin muss man sich aber aus eigener Kraft bahnen.
(04.05.2009)