tipps > Heft 001

Glückssache?

Berufseinstieg nach dem studium

Wer nach dem Studium nahtlos in die Berufswelt einsteigen will, sollte Vorarbeit leisten. Beziehungen und Netzwerke helfen weiter, besonders förderlich ist für Studenten ein bereits absolviertes Praktikum im angestrebten Metier.

Geschafft! Es zeichnet sich ab: lange wird es nicht mehr dauern bis das Vögelchen alias UniabsolventIn flügge wird. So manche Lizenziatsanwärter (und bald Bachelor-/Master Abschlusskandidaten) schütteln in diesem Jahr wieder erwartungsvoll ihr Gefieder. Sie sind bereit: bereit für den Abflug in Richtung Berufswelt. Je nach Fachrichtung und Berufsbezug des Studienfachs stehen ihre Chancen gut, den freien Flug auf Anhieb zu meistern. Mediziner und Wirtschaftler finden auf dem Markt oft bald einmal Unterkunft, KommilitonInnen anderer Fakultäten, namentlich der Geistesund Sozialwissenschaft, haben bei der Jobsuche oft ein weniger leichtes Spiel.

Dieses alte Vorurteil findet sich auch in den aktuellsten Studien des Bundesamts für Statistik (BFS) bestätigt: am Schwersten tun sich beim Berufseinstieg neben den Musik- und Kunststudenten diejenigen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Fakultäten. Zugegeben: manchmal ist die Wirtschaftslage schuld und in vielen Fällen ist es tatsächlich Glückssache nach dem Studium den Traumjob zu ergattern. Doch wenn sich weder die Wirtschaft noch das Geschick der Fortuna von Studenten beeinflussen lassen, ist das kein Grund, die Hände in den Schoss zu legen. Wer sich frühzeitig um den Aufbau eines Beziehungsnetzes und um verschiedene Praktika bemüht, steigert seine Chancen für einen nahtlosen Übergang ins Berufsleben beträchtlich.

Schon bei der Praktikumssuche wird schnell einmal klar, dass es für Geistesund Sozialwissenschaftler schwierig ist einen geeigneten Praktikumsplatz zu finden. Die Berufvorstellungen sind oft unkonkret und das Studium selten auf einen spezifischen Beruf zugeschnitten. Je stärker das Studium auf das zukünftige Tätigkeitsfeld zugeschrieben ist, desto eher wissen die StudienabgängerInnen, wo sie sich bewerben müssen. Deshalb wird die Bewerbung von StudentInnen mit weniger berufsbezogenen Fächern oftmals herausgeschoben. Man geniesst das warme Nestgefühl in den Hallen der Universität schlichtweg gerne noch etwas länger. Doch diese Sicherheit trügt; wer sich nicht frühzeitig für eine Anstellung bewirbt und voraus denkt, hat wenig Chancen, nach dem Abschluss auf Anhieb eine feste Anstellung zu finden. Zum Vorausdenken gehört vor allem Eines: Bedingung für den Berufseinstieg ist immer öfter das Vorweisen von Praktikums- oder Berufserfahrung. Die Vorteile eines so genannten «Stages» sind vielseitig. Einerseits zeigt die frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbereich dem späteren Arbeitgeber das Engagement und berufsbezogene Interesse des Studenten, andererseits ermöglicht es dem Studenten selbst den ersten Aufbau von Beziehungsnetzen, eventuell sogar mit dem späteren Arbeitgeber selbst. Da sich der Student oder die Studentin bei einem Praktikum bereits gezielt berufliche Fertigkeiten aneignet, macht es ihn für den Arbeitgeber wertvoller und damit auf dem Arbeitsmarkt gefragter. Für den Praktikanten selbst ermöglicht ein Praktikum den direkten Blick aus der Arbeitnehmer-Perspektive und die eigene Profilierung.

besonders hart: die Medienbranche

Besonders strikt sind die Regeln für den Berufseinstieg bei Journalisten. «Anfänger haben es schwer. Wir nehmen sie in der Regel nicht auf. Unabhängig von der Vorbildung», schreibt Jörg Meier, Mitglied der Redaktionsleitung der Aargauer Zeitung (die im Verbund mit der Mittellandzeitung inzwischen die drittgrösste Tageszeitung der Schweiz ist), kurz und bündig über die Berufseinstiegschancen in den Journalismus. Weiter meint er: «Wer Journalist werden will, muss es selber werden. Publizistikwissenschaft sollten in erster Linie jene studieren, die es aus wissenschaftlichem Interesse an dieser Disziplin tun möchten. Wer darüber hinaus auch noch Journalist werden will, sollte sich selbständig und unabhängig vom universitären Betrieb um eine freie Mitarbeit oder Praktika bemühen», so Jörg Meier. Er ist Ausbildner am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern und kennt das Paradoxon der frischgebackenen Uni-Absolventen: «Um Erfahrung sammeln zu können, braucht man eine Stelle, aber eine Stelle kriegt man nur, wenn man schon Erfahrung hat.»

Weniger schwer als so manche Geisteswissenschaftler haben es Absolventen aus berufsbezogeneren Fachrichtungen wie Medizin oder Technische Wissenschaften. Diese Absolventen haben bei grossen Arbeitgebern wie beispielsweise dem Healthcare-Unternehmen La Roche eine bessere Chance eingestellt zu werden. «Wir stellen hauptsächlich Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieurwissenschaftler, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler ein», sagt Isabella Elste vom Personalmarketing der Firma. Insgesamt stellt der Grosskonzern jährlich 60 bis 80 Absolventen ein.

der Run auf die Praktikumsplätze

Laut einer Erhebung des BFS haben im Jahr 2005 15% der Absolventen aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaft, 8% der Wirtschaftswissenschaftler, 64% der Rechtswissenschaftler, 8% der Exakten Wissenschaften und Naturwissenschaften, 1% aus den Bereichen Medizin und Pharmazie und 4% der Technischen Wissenschaftler nach dem Abschluss ein Praktikum aufgenommen. «Die Gründe für das Absolvieren eines Praktikums variieren je nach Fachbereich. Der hohe Anteil der Praktikanten bei den Rechtswissenschaftlern erklärt sich damit, dass ein Praktikum für den Erwerb des Anwaltspatents verlangt wird», so Andrea Witmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim BFS. Aus den Zahlen lässt sich also nicht direkt schliessen, dass 15 % der Geisteswissenschaftler nach dem Studium wegen erfolgloser Jobsuche auf ein Praktikum angewiesen waren.

In den Ergebnissen der Absolventenbefragung 2005 «Von der Hochschule ins Berufsleben» wird aber festgehalten, dass AbsolventInnen der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie solche der Musikwissenschaft weit mehr Mühe haben eine Erwerbstätigkeit zu finden, die ihrer Ausbildung entspricht. «Es ist wichtig, dass insbesondere die Absolventen dieser Fachrichtungen frühzeitig damit beginnen, Beziehungen aufzubauen. Dies geschieht erfahrungsgemäss am besten durch ein Praktikum bereits während des Studiums», empfiehlt Joachim Schmitt von der Zürcher Berufs- und Studienberatung. Unabhängig von der Fachrichtung sei das Vorweisen von praktischer Erfahrung bei Bewerbungen ein Plus, fügt er an. Ein Indikator für die Relevanz der gezielten Berufsvorbereitung durch ein Praktikum sind die übermässig vielen Bewerbungen um Praktikumsplätze. «La Roche bietet in der Regel über 200 Praktika pro Jahr in den verschiedensten Bereichen an. Die Anzahl der Bewerber übersteigt diese Zahl jedes Jahr um ein Vielfaches», so Isabella Elste..

Ähnlich gross ist der Run auf Praktikumsplätze bei der Aargauer Zeitung. Für die fünf angebotenen Praktikumsplätze gehen jährlich über 250 Bewerbungen ein. Wer also erst im allerletzten Moment seine Flügel zum freien Flug spannt, kann damit rechnen, dass sich seine besser vorbereiteten KollegInnen bereits zum ersten Mal ein neues Kleid mausern können, während er/sie selbst noch mühsam die ersten Brotkrumen zusammenpicken muss.

 
 
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