
Sie sind nun seit gut 8 Monaten im Amt als Bundesrätin, welche sind Ihre Eindrücke von der Welt der Hochschulen (Situation und Herausforderungen)?
Im Hochschulbereich bewegt sich zur Zeit sehr viel. Wir arbeiten am Projekt «Hochschullandschaft Schweiz». Es wird voraussichtlich ab 2012 alle Hochschulen der Schweiz umfassen. Dadurch wird eine gesamtschweizerische Steuerung mit einer besseren Koordination vorgenommen. Es freut mich besonders, dass die Fachhochschulen, die zum Kompetenzbereich meines Departements gehören, darin integriert worden sind. Im Hochschulbereich spielt vermehrt der Wettbewerb, dies u.a durch die Angleichung der Studienstrukturen im Rahmen der Bologna-Reform. Für den zunehmenden Wettbewerb sorgen aber sicher auch die internationalen Hochschulrankings, in denen die ETH und etliche Schweizer Universitäten gute bis sehr gute Plätze belegen und bei denen seit kurzem auch die Fachhochschulen mitmachen. Auch der Einbezug der Frauen in die Hochschulwelt liegt mir am Herzen. Ich denke beispielsweise daran, dass es immer noch recht wenige Frauen gibt, die sich für naturwissenschaftliche Fächer entscheiden. Hier besteht Handlungsbedarf. Zudem wollen wir generell ein Umfeld schaffen, das den Frauen eine akademische Karriere erleichtert.
Welche Maßnahmen werden getroffen, um unserem Land eine Leaderposition in der Ausbildung sowie auch in der Forschung zu garantieren?
Dafür hat der Bundesrat erst kürzlich den Grundstein gelegt, indem er die Botschaft über die Bildung, Forschung und Innovation zuhanden des Parlaments verabschiedet hat. Die Botschaft setzt die finanziellen und inhaltlichen Rahmenbedingungen der Fördertätigkeit des Bundes der Jahre 2008 - 2011 fest. Das Hauptziel besteht darin, das schweizerische Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystem qualitativ hochstehend, leistungs- und konkurrenzfähig zu erhalten. Wir müssen in Bildung und Forschung investieren, denn das sind ja immerhin Investitionen in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Investieren genügt aber nicht. Wir müssen auch dafür sorgen, dass qualitativ bessere Bildung angeboten wird. Ein weiteres Ziel der BFI-Botschaft ist deshalb, das Bildungssystem insgesamt effizienter zu gestalten.
Welche sind die großen Projekte, was die Ausbildung und die Berufswelt der Jugendlichen anbetrifft, die Sie in Ihrem Departement in Angriff nehmen werden?
In der Berufsbildung geht es uns nach wie vor um Qualitätssicherung und darum, Lehrstellen zu schaffen, insbesondere für Jugendliche mit schulischen und/oder sozialen Schwierigkeiten. Im Hochschulbereich arbeiten wir, wie ich erwähnt habe, an der Hochschullandschaft. Dabei geht es uns um die Stärkung des Hochschulsystems, die Koordination der Angebote und die Verbesserung der Unterrichts- und Forschungsqualität.
Werden die bilateralen Verträge es ermöglichen, neue Synergien (in der Ausbildung) mit den europäischen Ländern zu entwickeln? Oder muss man sich schon den aufsteigenden Ländern wie Indien zuwenden, um höher stehende Zusammenarbeitsperspektiven zu erhalten?
Wir leben in einem Zeitalter gesteigerter Mobilität. Es liegt also nur im Interesse unserer Studierenden, wenn wir eine konsequente und rasche Umsetzung der Bologna-Reform anstreben. Wichtig sind aber auch eine höhere Durchlässigkeit auf allen Bildungsstufen, die Teilnahme an internationalen Projekten und die internationale Zusammenarbeit. Dabei dürfen wir uns aber nicht «nur» auf den europäischen Raum konzentrieren - wir leben in einer globalisierten Welt! In den kommenden Jahren werden deshalb deutlich mehr Mittel als bisher zur Verfügung gestellt für die bilaterale wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und aufstrebenden, strategisch wichtigen Ländern wie China, Indien, Russland, Brasilien und Südafrika.
Die Schweiz ist zur Zeit in der Phase eines ausgelasteten Arbeitsmarktes. Der Arbeitsmarkt für junge Studienabgänger ist jedoch trotz allem noch sehr unsicher. Haben Sie Projekte geplant, um diese Situation zu verbessern?
Die Erwerbstätigenquote ist bei den Absolventen und Absolventinnen von Fachhochschulen in den letzten Jahren leicht gestiegen. 2005 lag sie bei 96 Prozent. Bei den Absolventinnen und Absolventen von universitären Hochschulen ist sie hingegen leicht gefallen und lag bei 93 Prozent. Einer der Gründe dafür ist sicher die konjunkturelle Stagnation, die wir in den letzten Jahren zu verzeichnen haben. Da wir uns aber zur Zeit wieder in einem konjunkturellen Aufschwung befinden und viele neue Arbeitsplätze - gerade für hoch qualifizierte junge Leute - geschaffen werden, bin ich optimistisch.
Sie fordern die jungen Erwachsenen auf, neue Unternehmen zu schaffen. Denken Sie, dass unser Land über Rahmenbedingungen verfügt, die die Unternehmensgründung erleichtert? Was könnte man noch verbessern?
Mit der Förderagentur für Innovation KTI verfügt mein Departement über eine Institution, die genau dieses Ziel verfolgt: die Unternehmensgründung. Das Programm «venturelab» ermutigt Hochschulabsolvierende, ihre Ideen umzusetzen, und leistet Hilfe in Form von Weiterbildungen und individueller Beratung. Im Rahmen der Initiative KTI Start-up haben wir in den letzten Jahren über 1'500 innovative Projekte geprüft. Start-up- Projekte haben bisher mehr als 4'000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Verbesserungspotenzial sehe ich aber in zwei Bereichen: wir müssen insbesondere kleine und mittlere Unternehmungen unterstützen mittels administrativer Entlastung und besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Im EVD arbeiten wir seit längerer Zeit daran, Regulierungen zu vereinfachen. Um beispielsweise das System der MWST zu verbessern, wurde Mitte Februar die Vernehmlassung zur Revision des Bundesgesetzes über die Mehrwertsteuer gestartet. Darüber hinaus bauen wir das Potenzial der elektronischen Instrumente für die Vereinfachung der behördlichen Abläufe weiter aus. In Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zeigt das KMU-Handbuch «Beruf und Familie» den kleinen und mittleren Unternehmungen mit vielen Praxisbeispielen die ökonomischen Vorteile dieser Personalpolitik: im Gegensatz zur verbreiteten Ansicht ist die Grösse eines Unternehmens nämlich kein Hindernis für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mit familienfreundlichen Maßnahmen bietet ein Arbeitgeber zusätzlich zum Lohn ein attraktives Umfeld. Das ist für junge Stellensuchende sehr attraktiv.
Die Gesellschaft, in der wir leben, zwingt uns, uns ständig in Frage zu stellen. Wurden Ihrer Meinung nach die Weiterbildungskonzepte in unserem Land von den Wirtschafts- und Politiksektoren genügend zur Kenntnis genommen?
Auch hier bleibt sicher noch einiges zu tun. Aber vieles bleibt der Eigeninitiative überlassen. Mein Ziel ist, dass in der Schweiz ein breites, differenziertes Ausbildungsangebot auf allen Stufen bereitsteht, das den Anforderungen des Arbeitsmarktes entspricht und den individuellen Bildungsbedürfnissen jedes und jeder Einzelnen entgegen kommt. Wir sollten versuchen, bildungsfernere Personen weiterzubilden. «Lebenslanges Lernen» soll keine leere Phrase sein, sondern zu einem Markenzeichen der Schweiz werden. Haben Sie eine Botschaft an die Studenten, die Ihr Interview lesen? Bildung ist das einzige Rezept gegen geistige und gesellschaftliche Erstarrung sowie gegen wirtschaftliche Stagnation. Bildung eröffnet neue Welten. Seien Sie deshalb neugierig und entdeckungsfreudig! Entdecken Sie diese neuen Welten - auch außerhalb der Schweiz - ein Leben lang!

Als Vorsteherin des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements (EVD) ist Bundesrätin Doris Leuthard eines der sieben Mitglieder des Bundesrates, der Exekutive der Schweiz. Das EVD ist das Kompetenzzentrum der Schweizer Regierung für alle Kernbelange im Zusammenhang mit Wirtschaftsangelegenheiten und Handelspolitik. Bundesrätin Leuthard ist auch verantwortlich für Arbeit, Berufsbildung, Technologie und Innovation. Ein Hauptziel ist es, mit flexiblen Arbeitsmarktbedingungen ein günstiges Umfeld zur Gründung von Arbeitsplätzen zu schaffen. Eine andere Politikpriorität ist der einfachere Arbeitsmarktzugang für Junge, Frauen und ältere Arbeitnehmer. Vor Übernahme ihrer jetzigen Position als Vorsteherin des EVD am 1. August 2006 war Bundesrätin Leuthard während sieben Jahren Mitglied des Nationalrats sowie seit 2004 Präsidentin der Christlichdemokratischen Volkspartei. Während ihrer Zeit als Nationalrätin war sie Mitglied der folgenden Kommissionen: Rechtskommission, Staatspolitische Kommission, Gerichtskommission sowie Kommission für Wirtschaft und Abgaben.