tipps > Heft 001

Dein cv 100% wahrheit

oder wie deine präsentation verschönern ohne zu lügen

 

Dass sich «Comic Sans» als Schriftart für einen Lebenslauf nicht allzu sehr eignet und sowohl Familienfotos als auch zu viele Rechtschreibefehler in einem solchen nicht allzu grosse Erwartungen in einem potentiellen Arbeitsgeber wecken; dass sich Innovation und eine gewisse Eigenheit grosser Beliebtheit erfreuen und ein jeder sich treu bleiben soll, wenn er über sich schreibt, sind alles bekannte Tatsachen. Doch früher oder später gelangt jeder einmal an den Punkt, an dem er sich in einem Lebenslauf auch wirklich darstellen, behaupten und verkaufen muss.

Hierbei handelt es sich nicht etwa um ein einmaliges Bemühen, das erst dann einsetzt, wenn man sich vor den Computer gesetzt hat und darüber zu brüten beginnt, wie man sein bisheriges Leben präsentieren will, um das Interesse eines allfälligen Arbeitgebers zu wecken. Nein, im Zeitalter der Bologna-Reform ist der Lebenslauf ein täglicher Bestandteil des Lebens geworden.

Der CV wird also zum «Leistungsnachweis » seines Lebens, denn man stelle sich vor, welche Möglichkeiten und welche Klarheit über das eigene Leben dies einem zulässt. Man überlegt es sich also zweimal, wenn man nach einer vermeintlich gemeinnützigen, «freiwilligen» Arbeit gefragt wird. Noch bevor man diese in Angriff nimmt, überlegt man sich bereits eine Formulierung, die diese Aktivität im CV möglichst «chic» aussehen lässt. Selbst wenn es die «Human Resources » Abteilung kaum interessieren wird, ob du gestern der alten Dame am Paradeplatz über die Strasse halfst, surrt das Begriffspaar «hilfsbereit und aufgeschlossen» dennoch bereits mit dem Aufleuchten der grünen Fussgängerampel um deinen Kopf herum.

Bestimmt kann sich jeder, der sich in der S-Bahn nicht von den Blicken der gegenübersitzenden Person gepeinigt fühlt und wacker das Gespräch über Zugverspätung und Wetter einleitet, als «kommunikativ» bezeichnen. Jedoch wirkt eine Beschreibung der eigenen Person nach fünfzehn Attributen bloss noch pathetisch und selbstverliebt.

So muss es einem gelingen, anhand von Tätigkeiten sowohl seine Laufbahn als auch vor allem seine Qualitäten klar ersichtlich zu machen. Würde man sich über dieses Thema bei Arbeitsgebern oder Berufsberatern ernsthaft erkunden, würde man wohl auf einstimmiges Echo stossen, dass es keinen Sinn macht, in einem Lebenslauf zu übertreiben oder sich in hyperbolischer Aufzählung zur Schau zu stellen. Ebenso macht es keinen Sinn die eigenen Fähigkeiten herunterzuspielen und nur die Hälfte seiner Tätigkeiten zu erwähnen. «Horaz' Aurea Mediocritas» (goldene Mitte) ist längst zur Binsenwahrheit geworden, die weder einer Berufsberatung noch eines Zen-Priesters bedarf, um verkündet zu werden. Die praktische Umsetzung ist aber wiederum etwas Anderes; dass man eben diese «goldene Mitte» (zwischen Untertreibung und Übertreibung) wahrt, ist eine Aufgabe, die ich dem Verfasser des Lebenslaufs nicht einmal dann abnehmen könnte, wenn ich in diesem Gebiet einigermassen kompetent wäre. Man vermerke: es ist nicht geeignet, seine eigenen Kompetenzen allzu sehr zu untertreiben und andauernd wieder zu thematisieren, wie ich dies gerade tue und mich damit als Schreiber dieses Artikels einigermassen zu rechtfertigen versuche. Um auf das eigentliche Problem zurückzukommen, sei bemerkt, dass ebensolche Abschweifungen, wie ich sie ? selbstverständlich zu rein exemplarisch- didaktischen Zwecken ? gerade in aller Genauigkeit und Unverständlichkeit ausgeführt hatte, in einem CV mehr als am falschen Ort sind. Doch Ausführlichkeit kann nicht nur ein Nachteil sein; so ist es zum Beispiel sinnvoll, einer Tätigkeit oder Referenz, die einer Erklärung bedarf, das eine oder andere erklärende Wort beizufügen oder ihr gar einen ganzen Nebensatz zu widmen. Hierbei sollte diese Erläuterung jedoch von einer gewissen Relevanz für die Bewerbung sein. Der Frage nachzugehen, ob es sich um eine Lüge handle, eine Tätigkeit etwas offizieller darzustellen, als sie dies eigentlich war, ist wohl dem Gewissen jedes einzelnen Moralisten unter uns überlassen.

Doch zentral bleibt in jedem Lebenslauf, dass er primär deine Fähigkeiten offen legt und nicht eine akribische Protokollierung deines Lebens sein sollte. So kann es also sein, dass du für zwei verschiedene Stellen zwei leicht abweichende Lebensläufe schreibst, die sich jedoch durch Weglassen oder Ergänzen von spezifischen Tätigkeiten oder Fähigkeiten und keinesfalls durch Hinzudichtung und Traumphantasien unterscheiden sollten.

Trotz der Referenz, einmal in meinem Leben (irgend)einen Text über den «CVismus» geschrieben zu haben, zeichnet mich dies wohl kaum als idealer Berufsberater aus. Trotzdem könnte die Bezeichnung «Publikation eines Artikels über Berufssuche im Studentenmagazin etumag» wiederum eine vage und höchstwahrscheinlich «von der Realität abweichende» (um nicht «falsche» zu schreiben) Vorstellung von meinen Kompetenzen geben - auch wenn die Bezeichnung «an sich» nichts Gelogenes enthält.

 
 
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